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Besuch der Lutherischen evangelischen Brüdergemeinde im Evangelischen Gemeindehaus Alt-Marzahn 61, 12685 Berlin (in der oberen Etage) am 12. Oktober 2020

 

 

Nicht nur das hier auf dem Schild benannte erreicht man „über den Hof“, montags um 18 Uhr auch in der oberen Etage des Gemeindehauses die Brüdergemeinde, die sich zur Bibelstunde versammelt. Die Gottesdienste finden wegen der Abstandregeln jetzt in Corona-Zeiten sonntags um 12 Uhr in der Dorfkirche gegenüber statt.

Durch die Tür in der Mitte des Gemeindehauses gelangt man über diese Treppe ins Obergeschoss:

 

Hier war für unseren Empfang um 17.15 Uhr schon alles vorbereitet, wie es die Corona-Bestimmungen verlangen: Liste, Desinfektionsmittel und Stühle in entsprechendem Abstand. Einer der Ältesten der Gemeinde erzählte sehr bewegend und persönlich von der Geschichte und dem Schicksal der Russlanddeutschen und der Brüdergemeinden.

 

Durch Deutsche, die in Moskau arbeiteten und lebten entstand schon im 16. Jahrhundert dort die erste lutherische Gemeinde, also lange vor der großen Einwanderung unter Katharina die Große (gest. 1796). Sie hatte ihren Landsleuten u.a. 30 Jahre Steuerfreiheit und Befreiung vom Militärdienst versprochen. So entstanden deutsche Siedlungen vor allem an der Wolga.

 

Von den russlanddeutschen Gemeinden gab es enge Beziehungen nach Deutschland und z.B. nach Basel, wo die Pastoren studierten und ordiniert wurden. So entstanden wie in Deutschland auch hier "Brüdergemeinden". Jede Gemeinde hat zwei Älteste, die Gottesdienste und Bibelsstunden durchführten, während die Pastoren viele Gemeinden zu betreuen hatten und nur "zu Besuch" kamen, um zu taufen, zu konfirmieren u.ä..

Durch Pastor Wilhelm Stärkel (1839- 1915) und den Evangelisten Heinrich Peter Ehlers ( 1845-1924) wurde die Bruderschaftsbewegung 1871 zu einem Verband innerhalb der Ev. Lutherischen Kirche (an der Wolga) zusammengefasst.

Im 20. Jahrhundert waren die Gemeinden von politischen Entscheidungen betroffen, die nicht nur sie betrafen, sondern jeweils auch andere: Da die Deutschen oft wohlhabend waren, wurden sie aufgrund der Revolution 1917 enteignet, geschmäht und verloren als selbständige Bauern („Kulaken“) nicht nur ihren Besitz, sondern oft auch ihr Leben.

 

Dazu kam ab 1918 der Versuch, mittels staatlicher Gewalt das Christentum wie alle Religion zu vernichten. Kirchen wurden zerstört, fast alle Geistlichen ermordet... Für die Brüdergemeinden, die im nächsten Jahr ihr 150jähriges Bestehen (in Russland) feiern können, war es gut, dass sie gewohnt waren, sich selbst zu leiten. Sie trafen sich heimlich zu Hause zu Gottesdiensten und Gebetsstunden. Wenn keine Männer wegen des Krieges da waren, übernahmen die Frauen die Durchführung und lasen aus Predigtbüchern die Predigt vor.

Die dritte Katastrophe betraf alle Deutschen in der Sowjetunion. Aufgrund des Ukas vom 28. August 1941 wurden sie als potentielle Kollaborateure der Deutschen (nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941) nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Alle arbeitsfähigen Männer und Frauen mussten in der Arbeitsarmee (Trudarmee) unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Wieder starben Hunderttausende.

Aufgrund des Zerfalls der Sowjetunion Ende der 80er Jahre und der Einladung (unter Helmut Kohl) nach Deutschland zu kommen, kamen mehr als 2 Millionen der Russlanddeutschen nach Deutschland. Da die deutsche Sprache unter Stalin und danach lange Zeit verboten war zu benutzen, konnten nur die alten Menschen noch Deutsch, allerdings meist kein Hochdeutsch. So war die Verständigung im Anfang schwer. So  erden in den Gemeinden gleichberechtigt beide Sprachen benutzt: Russisch und Deutsch und jeweils in die andere Sprache simultan übersetzt. So auch im Gottesdienst dieser Gemeinde, wie gesagt, zurzeit in der Dorfkirche sonntags um 12 Uhr, sonst hier oben im Saal, wo sich die Gemeinde schon seit den 90er Jahren trifft.

 

Auch heute noch werden gern Bücher mit Predigten beliebter Pastoren benutzt, so von Pastor Wilhelm Busch (1897-1966). Auch hier wieder zeigt sich die enge Verbindung zu Deutschland all die Jahre.  Viele Gemeindeglieder sind gleichzeitig Glieder der evangelischen Landeskirchen. Unter den verschiedenen Brüdergemeinden in Deutschland kennen sich viele und halten den Kontakt untereinander.